"Schenefeld bleibt die Nummer 2 in Deutschland"

Interview mit Vielseitigkeits-Bundestrainer Hans Melzer

Die deutschen VielseitigkeitsreiterInnen haben den Rückschlag von den Europameisterschaften in Pau, als das Team im Gelände "platzte" und nur Michael Jung (Horb) durch den Gewinn der Bronzemedaille in der Einzelwertung ein Desaster abwendete, vergessen gemacht. Anfang Juni stand Andreas Dibowski (Döhle) an der Spitez der HSBC-Weltrangliste und mit Michael Jung (5.) und Dirk Schrade (Sprockhövel/10.) folgten ihm zwei weitere Deutsche in der Top-Ten. Entsprechend zufrieden und zuversichtlich im Hinblick auf die Turniere in der zweiten Jahreshälfte mit dem Höhepunkt der Weltreiterspiele in Kentucky (USA) vom 25. September bis zum 12 Oktober gab sich Bundestrainer Hans Melzer beim Gespräch mit ESRV-Medienbetreuer Manfred Bode.

Herr Melzer, ist der Eindruck richtig, dass der Kreis der deutschen WM-Kandidaten im Vergleich zu 2006, als ja in Aachen der Mannschaftstitel geholt wurde, noch größer geworden ist?


Zunächst einmal bedaure ich sehr, dass unser sicherstes Championats-Paar seit 2003 in Kentucky nicht dabei sein wird. Der Schimmel Marius, dem in dieser Zeit in unserer Equipe kein Geländefehler unterlief, hat sich beim CCI3* in Strzegom erneut, wahrscheinlich wieder am Fesselträger, verletzt, so dass ihn Hinrich Romeike schon vor der Verfassungsprüfung aus dem Wettbewerb nahm. Damit fehlt die internationale Qualifikationsnorm, die nach der verletzungsbedingten Wettkampfpause im Vorjahr zu bestätigen war. Aber an "Hinnis" Pech lässt sich aufzeigen, was sich in den vergangenen Jahren bei uns getan hat. Durch die gewachsene Breite in der Spitze können wir Ausfälle in der Mannschaft leichter ausgleichen. Ich denke dabei vor allem an Kai Rüder mit Leprince des Bois, Simone Deitermann mit Free Easy NRW und Dirk Schrade mit Gadget de la Cere und King Artus, aber auch an Kai-Steffen Meier mit Karascada M, Andreas Ostholt mit Franco Jeas und Anna Warnecke mit Twinkle Bee, die auf der Longlist in Reserve stehen. Es bleibt jedoch der Wermutstropfen, dass uns mit Doppel-Olympiasieger Romeike ein potenzieller Einzelsieger fehlen wird.

Wird auch die Schenefelder-Vielseitigkeit 2010, die vom 26.-29. August rund um den Reitstall Klövensteen durchgeführt wird, von dieser gewachsenen Breite profitieren - werden wirklich alle deutschen Asse an der Weltcup-Prüfung teilnehmen und dabei auch um den nationalen Einzeltitel kämpfen? Im vergangenen Jahr war es ja durch das unglücklich terminierte Weltcup-Finale zu einigen Absagen auch aus der deutschen Spitze gekommen.

Endgültiges wird zwar erst nach dem Longlist-Lehrgang vom 10.-13. August in Warendorf entschieden. Das Drei-Sterne-CIC in Schenefeld ist aber für alle WM-Kandidaten verpflichend als letzte Formüberprüfung für Kentucky. Eine Sonderabsprache gibt es nur mit Anna Warnecke, die, sollte sie nicht noch in die Top 7 der Longlist vorrücken, beim CCI4* in Burghley, eine Woche nach Schenefeld starten wird. Auf dieses Highlight haben auch Marina Köhncke mit Calma Schelly und Beeke Kaack mit Sinjang ihre Planungen ausgerichtet und werden deshalb nicht nach Schenefeld kommen, genauso wie Peter Thomsen, dessen Championatspferd Parco verletzt ist und der mit dem neunjährigen Cayenne nach Aachen das Weltcup-Turnier in Malmö vom 13.-15. August ins Visier nehmen möchte. Andererseits hat sich Bettina Hoy mit ihrem Nachwuchspferd Lanfranco TSF beim CIC3* in Luhmühlen in der deutschen Elite zurückgemeldet. Sie könnte ebenso bei der DM an den Start gehen wie unsere Nachwuchsreiterinnen Anna Siemer, besser bekannt noch unter ihrem Mädchennamen Junkmann, mit Charlott und Perspektivgruppenmitglied Sandra Auffahrt mit Opgun Luovo.

Ist das Schenefelder Gelände eigentlich geeignet, die WM-Anforderungen von Kentucky zu simulieren oder was erwarten Sie in diesem Jahr von Kursbauer Hinrich Groth junior?

Das Querfeldein-Gelände von Kentucky ist hügelig und insofern nicht vergleichbar. Aber alle unsere Topreiter werden ihre Pferde bis zur DM individuell in beste Verfassung gebracht haben, so dass ein spezielles Streckenprofil zur Vorbereitung nicht notwendig ist. Vom Schwierigkeitsgrad erwarte ich eine positive Drei-Sterne-Prüfung mit hohen Anforderungen, die aber nicht das letzte abfragt. Da Hinni Groth und ich eine ähnliche Philosophie haben, bin ich sicher, dass wir eine optimale Strecke haben werden. Vorsorge werden wir treffen müssen, falls es bis Ende August zu wenig regnen und der Boden zu hart werden sollte. Im Notfall wird dann die Trasse regelmäßig bewässert und die Oberfläche durch unsere Lochmaschine aus Warendorf aufgelockert.

Irritationen gab es kürzlich über die Zukunft von Schenefeld als Austragungsort großer Vielseitigkeiten. Die Entscheidung der FN, die deutschen Einzelmeisterschaften, die seit 2006 vom Elbdörfer- und Schenefelder Reiterverein ausgerichtet werden, 2011 und 2012 nach Luhmühlen zu vergeben, hatte vor allem bei Funktionären und Helfern für Missstimmung gesorgt. Inzwischen haben sich die Wogen zwar wieder geglättet, weil es ja lediglich zu einer ärgerlichen Panne in der Kommunikation gekommen war. Ich bitte Sie aber, noch einmal ein paar klärende Worte zu sagen.

Erstens: Schenefeld ist und bleibt nach Luhmühlen unser wichtigster Turnierstandort. Die Zusammenarbeit mit Hinni Groth und seinem Team ist hervorragend. In der Vergangenheit hatten wir immer beste Bedingungen trotz mancher Wetterkapriolen gehabt und die Reiter haben sich wohlgefühlt. Insofern hätte die DM auch weiterhin am Klövensteen ausgetragen werden können. Die Terminierung der nächsten Championate zwang uns jedoch zum Umdenken. Da die EM in Luhmühlen m nächsten Jahr mit dem Schenefelder Termin kollidiert und die Olympia-Wettkämpfe 2012 in London schon Ende Juli stattfinden, mussten wir nach einer Alternative suchen. In diese Überlegungen war natürlich auch Hinni Groth als Turnierveranstalter eingebunden, und insofern hätte er auch in der Pressemeldung zu Wort kommen müssen, in der die Neuvergabe der DM an Luhmühlen mitgeteilt wurde. Das ist dann aber zu meinem Bedauern nicht geschehen und hat zu Missverständnissen geführt.

Welche terminlichen Alternativen sehen Sie für die "Schenefelder Vielseitigkeit" in den nächsten beiden Jahren?

Von meiner Seite würde ich einen Termin in der zweiten oder dritten Septemberwoche begrüßen. Schenefeld könnte dann zum Vorbereitung-Event für die internationale Herbstserie mit den Turnieren in Boekelo, Lion d'Angers und Pau werden. Da es in dieser Zeit keine ähnlich renommierte und mit einem so positiven Image versehene Veranstaltung in Europa gibt, wäre Schenefeld ein gutes Teilnehmerfeld sicher. Von Hinrich Groth weiß ich aber, dass er auch an einen Termin im Juli denkt. Für 2012 wäre wieder alles offen, nach Olympia könnte er dann auch wieder den Termin Ende August belegen.

In diesem Jahr wird das Programm in Schenefeld erstmals durch je zwei Springprüfungen am Sonnabend nach dem Gelände und am Sonntag zum Abschluss des Turniers ergänzt. Was halten Sie von dieser Neuerung?

Mit dieser Kombination hatte einst Bonn-Rodderberg großen Erfolg und riesigen Zuschauerzuspruch. Eine ähnliche Entwicklung könnte ich mir auch für Schenefeld vorstellen. Eine tolle Idee, zumal es durch die Qualifikation für die internationale Tour bei der "Baltic-Horse-Show" in Kiel sicher auch ein attraktives Teilnehmerfeld geben wird.

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